VON AXEL HACKE
MIT FOTOS VON BERND JONKMANNS

Also, ich war noch nie da. Wahrscheinlich gibt es viel mehr Menschen, die aufCapri waren, als Menschen, die noch nicht auf Capri waren, wobei man das noch betonen muss. Denn nach Capri fährt jeder mal. Goethe war, glaube ich, der einzige Deutsche, der nie hinkam. Fast wäre er 1787 mit einem Segelschiff gestrandet (er verfluchte 'jene gefährliche
Felseninsel"). Aber eben nur fast, er führ weiter neapelwärts.
Sonst: alle! Rilke und Thomas Mann, Mendelssohn-Bartholdy und Hauptmann, Beuys und Kopisch, der Heinzelmännchen-Erfinder und Wiederentdecker der Blauen Grotte. Schinkel und Klenze, Morgenstern und ... Na, und die anderen eben.
Auch ich werde, eines Tages, nach Capri fahren. Ich bin nur rund zehn Jahrejünger als das Lied von den Capri-Fischern, das in den vierziger Jahren ein großer Hit war (,'Wenn bei Caaapri die rooote Sonne im Meer vääärsihinkt ..." ). Als ich klein war, lutschte ich oft ein Eis, das Capri hieß. Bei der Bundeswehr hatte ich einen Stubengenossen, der Ford Capri fuhr. Jedes Wochenende nahm er mich mit zu meiner Freundin.
Meinem Leben würde was fehlen ohne Capri, obwohl ich,wie gesagt, nie dort war. Dreimal habe ich bereits versucht, nach Capri zu kommen. Einmal nach demAbitur: Capri sollte der Abschluss einer Reise durch Italien sein, aber mir ging schon in Rom das Geld aus, und ich mussteheim. Einmal als Student: Da lernte ich bei einem Stopp in einem ligurischen Dorf eine Frau kennen, meine Frau, und ich blieb und blieb, bis die Ferien zu Ende waren. Capri sah ich wiedernicht. Das dritte Mal sollteunsere Hochzeitsreise nach Neapel führen, auch Amalfi und Positano wollten wir sehen, schließlich Capri. Es kam was dazwischen, ein Sohn, er heißt Luis und ist schon fünf
Capri, wann?
Vor jedem meinerAnläufe bereitete ich mich gründlich vor, las alles, was ich über meine Trauminsel fand. Es gibt nichtviele, die mehr über Capri wissen als ich.
Vor einiger Zeit sahen meine Frauund ich den Film"Ii Postino" mit Philippe Noiret und Massimo Troisi, in dem es um die Freundschaft zwischen dem exilierten Dichter Neruda und einem italienischen Landbriefträger geht. "Lebte Neruda nicht im Exil auf Capri?", flüsterte Paola mir zu. "Ja", sagte ich und zitierte
ein paar Zeilen des Chilenen:
"Capri, Felsenkönigin, in deinem Gewand, lilien - und amarantenfarben,
lebte ich, das Glück vermehrend und den Schmerz..."
Am Ende seufzte Paola: "Wie schön Capri ist!"
"Aber das im Film war nicht Capri", sagte ich. "Der Film muss
woanders gedreht worden sein."
"Woher willst du das wissen?", fragte sie.
"Ich kenne doch Capri!", sagte ich.
Dann der Abspann: Man dankte den Bewohnern von Salina, einer der Liparischen Inseln nördlich von Sizilien.
Ich weiß auch, zum Beispiel, so gut wie alles über die Casa Malaparte, jenes seltsam faszinierende Haus, das der Romancier Curzio Malaparte in den Jahren 1938 bis 1940 hoch über dem Meer auf die Felsen bauen ließ. Obwohl das Haus der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, weiß ich, dass es mitTierfellenund archaischen Holzmöbeln ausgestattet ist, auch mit weiblichen Aktfiguren aus Holz. Woher? Tja, gelesen. Malaparte, diese Anekdote muss jetzt sein, war übrigens ein Dandy. Er lästerte gern über Mussolinis scheußliche Krawatten, so lange, bis er
nach Rombestellt wurde, um sich beim Duce zu entschuldigen.
Als er nach der Unterredung den Raum verließ, drehte er sieh noch einmal um und sagte: "Lassen Sie mich ein letztesWort zu meiner Verteidigung sagen!"
"Nur zu!", sagte Mussolini, die Augen hebend.
"Sogar heute tragen Sie eine schreckliche Krawatte."
Vor kurzem kehrtemein alter Freund Bruno aus Capri zurück.
Er schimpfte über Preise und Touristen und darüber, dass man beijedem Weg unglaubliche Höhenunterschiede zu bewältigen habe. "Es ist", sagte er, "als ob du einen Aufenthalt am Matterhornmit einem aufdem Markusplatz inVenedig verbinden würdest."
Dann fügte er hinzu: "Aber das Meer! Wie in der Karibik:
Bis auf den Meeresgrund blickst du und siehst nicht ParmalatTüten, sondern Steine. Und die Natur, der Blick aufdie Faraglioni es ist eine Schönheit, die dir das Augenlicht nimmt.
Schöner geht es nicht."
Nächstes Jahr fahre ich hin!