Von Robert Lücke

Touristen sind auf Capri eigentlich nicht vorgesehen.
Trotzdem lebt die kleine Felseninsel vor der Küste von Sorrent
seit Jahrhunderten von ihnen.
Viel zu klein scheinen die Gassen, der winzige Marktplatz, und die Landschaft zu atemberaubend, um Urlaubermassen ihren Anblick zu gestatten. Am schönsten ist die Insel morgens, wenn die Fähren und Tragflächenboote aus Neapel, Ischia oder Sorrent noch nicht angekommen sind. Oder abends, wenn auf der Piazetta wieder Ruhe einkehrt. Die meisten Besucher sehen Capri nämlich nur kurz, hetzen über den Marktplatz, stehen staunend in den Augustusgärten, die der deutsche Industrielle Friedrich Krupp anlegen ließ, bewundern die erhaben im tintenblauen Mittelmeer thronenden Faraglioni-Klippen-und sind schnell wieder weg Spektakuläre Blicke auf steile Klippen Wer die engen Gassen des Ortes verlässt, ist aber sofort allein. Der Rundweg, der zum Arco Naturale (Steinbogen) und dann zur Villa Jovis hinaufführt, erlaubt spektakuläre Blicke auf steil abfallende Klippen und führt treppauf, treppab an der Macchia entlang. Außer den prächtig grün schillernden Smaragdeidechsen am Wegrand ist man hier mit sich und Capri allein.
Vor allem im März und nach der sommerlichen Hochsaison zeigt die Insel ihr wahres Gesicht. Dass dieses sehr charakteristisch ist, mag man kaum glauben, wenn man vom Hafen mit teuren Taxis, dem kleinen Inselbus oder der alten funicolare (Zahnradbahn) in den Ortskern
kommt. Winzige Läden bieten alles, was teuer ist: Gucci, Prada,
Hèrmes, Cartier, Brioni.
Doch kaufende Kunden haben sie so wenig wie Capri ein wirklich touristisches Angebot.
Ein paar Meter links und rechts von der Piazetta gibt es noch Läden für Italiener: der Fischhändler, der Schinkenoder Gemüseladen, in die sich kaum ein Tagestourist verirrt.
Und überall riecht es nach Zitronen, auch wenn kein Baum in der Nähe ist. Vielleicht sprühen die Betreiber der kleinen capresischen Parfümerie ja frühmorgens den ganzen Ort ein.
Das sind eher subtile Eindrücke, die man erst gewinnt, wenn man länger auf der Insel verweilt.
Dann lernt man Capri näher kennen, wagt eine Tour über die sich kühn den Berg hochschwingende Straße nach Anacapri, jenseits des majestätischen und oft wolkenverhangenen Monte Solaro. Auf der Insel wird seit jeher kolportiert, die beiden Dörfer stünden im ewigen Dauerstreit: Wer in Capri war, wird es verstehen, Die Anacapresen müssen neidisch sein, denn hier gibt es noch die von Kitschläden überbordenden Straßen und echten Nepp.
Aber Anacpari hat die Gewalt über das Wahrzeichen der Insel, die Blaue Grotte. Man erreicht sie nur per Boot zu gesalzenen Preisen. Auch hier zeigt sich Capri widerspenstig, will den Touristen kaum in sein Heiligstes lassen. Gerade ein halber Meter Raum bleibt zwischen Meer und Fels. Nur der geübte Bootsführer kommt hinein. Und wer das Glück hat, auch hier allein zu sein, den übermannt spachloses Staunen: Das Meer breitet sich leuchtend azur- bis königsblau irrt weiten Dunkel der Grotte aus - das schönste Schwimmbad der Welt, in dem schon Kaiser Tiberius gebadet haben soll. Tiberius soll von seiner Residenz Villa Jovis am entgegen gesetzten Ende der Insel seine Feinde über die 297 Meter hohe Klippe hinweg ins Meer gestoßen haben - vermutlich Lateinerlatein.
Vielleicht ertrug er die Schönheit nicht, die einen hier oben mit Blick aufs Festland und das tiefblaue Meer fast lähmt. Wer hier oben ist, beneidet die Möwen, die hier immer umsonst und frei leben können. Auf Capri möchte man eine von ihnen sein.