Von HANS-GEORG WODRIG

Capris Karriere ist atemberaubend. Im Altertum war es die Insel der Wildschweine; später Zuflucht römischer Kaiser und -seitdem vom Tourismus entdeckt - erst mal Tummelplatz von Wichtigen, Reichen und Berühmten dieser Welt. In unseren Tagen, da die Begüterten ihre Brillanten nicht mehr zu Markte oder zur Piazza tragen (können), ist Capri, dieser viel besungene Inbegriff deutscher Italien-Sehnsüchte, auch für “Normalurlauher” mit gutem Budget erschwinglich - und ungebrochen attraktiv. Ein Phänomen.
Aber auch für viele Italiener ist Capri Kult - wie ein Sylt des Südens, eine elegante Oase des dolce vita im Golf vor der lärmenden Metropole Neapel. Es ist ein Muss für Italiener, dagewesen zu sein -und wenn es nur ein, zwei Tage sind, die dann oft genug das Familienbudget ins Wanken bringen. Diese kurze “Verweildauer” treibt die Hotelpreise. Selbst in mittleren Kategorien sind für Übernachtung und Frühstück uni 200 Mark und bei Halbpension um die 300 Mark durchaus üblich. Deshalb unser Rat für Interessierte: Reisen Sie mit einem Veranstalter. Der hat allemal günstiger abgeschlossen, bringt Sie und Ihr Gepäck auch vom Flughafen zum Schiff und damit auf die Insel und wieder zurück. Aber aufpassen müssen Sie trotzdem. Auf sich und all Ihre Habe -denn: Napoli, oh Napoli...
Sind Sie mit dem Auto gekommen, lassen Sie es in Sorrent in einer guten Garage. Autofahren in
Capri? Nicht möglich, nur auf ein paar Straßen in Anacapri; die Mitnahme lohnt sich nicht. In Capri fahren nur schmale Elektrokarren und, eingeschränkt, Busse und Taxen. Dafür sollten Sie gut zu Fuß sein, denn die gerade mal sechs Kilometer lange Schönheit überrascht mit vielen Spazier- und Wanderwegen samt lohnenden Ausblicken und guter Gastronomie, deren Preise meist den unseren entsprechen - also tragbar sind.
Morgens um acht ist auf Capri die Welt noch in Ordnung. Gassen und Gässchen gehören den Straßenfegern und den leise surrenden Elektrokarren, die Lebensmittel, Waren und Gepäck transportieren. Um neun, wenn die Schiffe mit den ersten Tagesgästen anlanden, wird es lebhaft. Immerhin kommen an guten Tagen 7000 Besucher.
Sie haben alle die gleichen Wege: mit dem Boot zur Blauen Grotte, schnelles Eintauchen in das Naturwunder, das bei trübem Wetter gar nicht so blau ist, mit dem Bus hinauf nach Anacapri zur kuriosen Villa des “alten Schweden” Axel Munthe mit herrlichem Blick auf den Golf, runter nach Capri zur Punta Tragara mit dem unvergesslichen Blick auf die Faraglioni-Felsen. Eventuell reicht es noch für einen Besuch im Kloster oder in den Augustusgärten, bestimmt aber-soviel Zeit muss sein - zum Einkaufsbummel auf der Via Vittorio Emanuele oder der Via Camerelle und für den teuren Cappuccino oder Campari auf der Piazza, wo man sieht, gesehen wird, die versprochenen Karten schreibt und über manche skurrile Inselgestalt lästert. Ab 15 Uhr beginnt der Rückzug der Schiffe nach Amalfi, Sorrent und Neapel.
Später, wenn die” Langzeitgäste” unter sich sind, öffnet das Forum der Eitelkeiten. Die erste Vorstellung startet zur tea-time auf der Piazza, mit vier Cafés “der Nabel Capris”, wie Elio Si?ca, der Verkehrsdirektor, stolz sagt. Nach kurzem Sehen und Sehenlassen zieht man - mitun?ter abenteuerlich kostümiert -zum aktuellen “In”-Restaurant. Lange Speisenkarten legen sie alle vor; aber vermeiden Sie es, sich schon am Vorspeisenbüffet magenfüllend einzudecken. Es wäre schade, wenn mancher Gaumenkitzel der napolitani?schen Küche dann keinen Platz mehr hätte. Das beste Restaurant? Ist es Alberto mit dem La Capannina und köstlichen Antipasti in der schmalen Via Botthege, das Faraglioni oder das für exzellente Fischgerichte geliebte Add?o Riccio gleich oberhalb der Blau?en Grotte? Geschmacksache. Und nach dem Essen geht das Capreser Leben mit der nach oben offenen Altersskala weiter in den Bars und Diskos bis zum frühen Morgen.
Kenner kommen im Frühsommer oder Herbst nach Capri. Wenn der Trompetenbaum seine prächtigen Blüten ausfährt, Mitte Juni beginnt die Sai?son. Darüber hinaus ist Capri aber zu jeder Zeit ein Dorado für Spaziergänger. Ausgeschlafene steigen früh hinauf zur Villa Jovis, hören die Schauergeschichten der römischen Kaiser und genießen die Fernsicht. Andere Wege führen zum Arco Naturale, zu den Grotten, den Gärten des Augustus und zur felsigen Marina Piccola mit ihren Badeanstalten. Aussichtsreicher, weitläufiger und ruhiger ist es (auch abends) in Anacapri. Im alten Ortskern stehen zwei schöne Kirchen, besonders die Chiesa San Michele, mit ihrem Majolika-Fußboden ist eine echte Sehenswürdigkeit.
Das alles überragt der Monte Solaro, mit 589 Metern höchster Punkt der Insel. Der Weg zum Gipfel, ob zu Fuß (300 m Höhenunterschied) oder mit der Sesselbahn, lohnt sich. Bei klarem Wetter überblickt man den Golf von Neapel, die Küsten von Sorrent und Amalfi und - ganz klein - Capri mit den drei Faraglioni am Südufer. Zu empfehlen ist der Abstieg zu Fuß durch die Ginterwiesen nach Caprile und zur malerischen Einsiedlerkapelle Santa Maria Cetrella. Aber Vorsicht, der Weg ist nicht überall gesichert! Spaziergänger haben unter dem Berg und bis ans Meer zur Damecuta und zur Blauen Grotte viel Auslauf.
An der Südwestspitze, der Punta Carena, blickt man weit übers offene Meer. Hier steht eine der schönsten Badeanstalten Capris, direkt in den Felsen gebaut, mit großem Pool, Terrassen und guter Restauration. Mit dem Bus kommt man bequem in wenigen Minuten zur Punta.
Den besten Eindruck von Capri bietet eine Inselumrundung mit dem Boot. Da zeigen sich die üppige Vegetation, die Felsformationen und viele kleine Grotten. Und für das Eintauchen in die Blaue Grotte ist auch noch Zeit.