Von CAROLIN DENDLER

Wie blauer Samt schimmert das Meer, verschmilzt am Horizont mit dem glühenden Rot der untergehenden Sonne, Langustenfischer schmettern: “0 sole mio”, und Sophia Loren schwenkt Herzchenballons gen Himmel...
Capri-Romantik anno 1959 - bei den Dreharbeiten zum Leinwandklassiker “Es begann in Neapel”. Der Hollywood-Beau Clark Gable sah allerdings müde und mürrisch aus. Er konnte auf dieser Felseninsel keinen Schlaf finden. Jede Nacht dieser Lärm, das laute Lachen. Entnervt fragte Mr. Gable seine Filmpartnerin: “Wie schaffen es die Leute bloß, hier zu schlafen?” “Ganz einfach”, antwortete die Loren, “sie schlafen miteinander.”
So - oder so ähnlich - wurde Capri zur Insel der Liebenden. Geliebt wurde der kleine Kalkfelsen im Golf von Neapel - zehn Quadratkilometer, zehnmal kleiner als Sylt - seit Jahrtausenden. Meistens von den Mächtigen oder Mondänen. Kaiser Tiberius regierte vor 2000 Jahren das Römische Reich von hier aus. Jahrhunderte später verhalf der deutsche Maler August Kopisch (1799-1853) dem Eiland zu Weltruhm. Er entdeckte 1826 die legendäre Blaue Grotte. Ob Wunder oder azurblauer Touristennepp - seit Kopischs Entdeckung pilgerten Deutsche scharenweise nach Capri. Die Inselschönheit wurde das Mekka der Dichter (Morgenstern, Rilke) und Schriftsteller wie Thomas Mann. Dann kam auch noch Rudi Schuricke (1943) mit seinem “Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt. . .” - für die nach italienischer Leichtigkeit lechzenden Deutschen wirkte die Schnulze wie Sirenengesang. Und so spazierten germanische Bildungsbürger durch die Zitronengärten, und die VIPs von gestern bekamen Capri-Fieber: zum Beispiel die Kessler-Zwillinge oder der Industrielle Max Grundig, der sich hier das Nobelhotel “Quisisana” kaufte.
In den Achtzigern war es wie verhext - der Capri-Urlaubszauber war plötzlich erloschen. Die Insel fiel in einen fast 20-jährigen Dornröschenschlaf, nur die Senioren hielten ihr die Treue. Die Bella-Italia-Romantik auf dem Kalkfelsen war nicht mehr gefragt. Dafür wurden anderswo das Highlife in Bettenburgen und Urlaubsclubs die Renner. Wer was war, pilgerte an die Côte d?Azur, der Rest nach Mallorca.
Doch Capri wurde wieder wach geküsst -von den Promis. Iris Berben (50) genießt ihren Cappuccino auf der kleinen Piazetta mit ihren vier Cafés, dem Mittelpunkt der Insel. Liz Hurley (36) sieht man durch die teuren Boutiquen stolzieren (von Gucci bis Hermès - alles, was das Nobel-Shopperherz erfreut), Naomi Campbell (30) vergisst ihre Diät und nudelt sich im In-Restaurant “Da Paolino”.
Warum der Felsbrocken wieder en vogue ist? Ganz einfach: Nachdem die Fernziele wie Florida oder Australien erobert sind, ist die neue Lust auf alte Romantik wieder erwacht - die Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Die Teenies tragen in diesem Sommer Capri-Hosen, Stressgeplagte träumen in ihrem Computeralltag von ein bisschen Dolce Vita. Der Tourismusmanager von Capri, Signore Silva, freut sich: ,,Capri ist wie eine alte Frau, die wieder erblüht ist.”
Aufgeblüht ist auf der kleinen Mittelmeer-Insel nicht nur Pop-Diva Mariah Carey (31). Sie blieb vier Wochen und schwärmte: “Capri ist der schönste Ort, den ich je gesehen habe.”
Wie das so ist: Kommt ein Promi, kommen alle. Aus Deutschland reiste Corinna Schumacher (32) an, aus Amerika die erste Garde der Leinwandhelden: Dustin Hoffman (63) machte mit seiner Familie Taxi-Sightseeing, Tom Cruise (38) erholte sich auf der noblen Schönheitsfarm
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Auf die Hollywood-Stars übt das Eiland mit seinem betörendem Duft nach Glyzinien und Hibiskus, den weißen Märchenvillen (Bettenburgen und McDonald?s Fehlanzeige!) eine ganz besondere Anziehungskraft aus. Capri ist wie ein romantisches Disneyland zum Anfassen. Hier haben die Männer Glutaugen und rufen jeder Schönen “Bella” hinterher. Wenn man den verschlungenen Gässchen folgt, landet man in verschwiegenen Hinterhöfen, wo die Unterwäsche auf der Leine baumelt. Und sogar das ist irgendwie herrlich. Sehnsüchtig schnuppert man in den kleinen Supermärkten die Würze des fri?schen Gemüses. Selbst die Tomaten duften hier süß. Und die italienische Tante Emma in frisch gestärkter Schürze möchte man am liebsten als Souvenir einpacken...
Kleiner Wermutstropfen: die Touristenmassen, die sich in den Sommermonaten durch die engen Gassen quetschen. Von morgens zehn bis abends fünf Uhr schwingen Touristenführer Fähnchen und schleusen Hundertschaften von Tagesausflüglern durch das kleine Paradies. Der Bürgermeister von Capri tut sein Bestes, um die Menschenmassen in den Griff zu bekommen. Es ist Reisegruppen untersagt, zu lange an einem Punkt zu verweilen. Am späten Nachmittag ist der Touristenspuk vorbei. Dann kommen die echten Capri-Urlauber vom Hotelpool, die wirklich Reichen von den Yachten, die ärmeren Reichen aus den Nobel-Badeanstalten wie der “La Canzone del Mare” in Marina Piccola, wo livrierte Kellner für 200 Mark eine Languste servieren und der Liegestuhl 30 Mark kostet, die Umkleidekabine mit Sofa 120 Mark. Der Blick auf die berühmt pittoresken Faraglioni Felsen ist inklusive ...
Capri - das ist wie Urlaub auf einer Postkarte. Nur das Porto ist ein bisschen höher als anderswo.