HANS ECKART RÜBESAMEN

Im Gänsemarsch ziehen fünfzehn wadenstramme Wanderer über die voll besetzte Piazzetta, deutsche Wanderer, wiean ihrer korrekten Alpinausrüstung unschwer zu erkennen ist. Vermutlich haben sie den Monte Solaro auf der Direttissima, die Überschreitung der Faraglioli-Felsen oder sonst etwas extrem Schwieriges gemacht. Der leicht verachtungsvolle Blick, mit dem sie das müßiggängerische Treiben auf dem Platz streifen, gleicht jedenfalls dem,
den wir von allen Freizeit-Leistungsträgem kennen. Doch bevor man sie nach ihren Abenteuern fragen kann, rattert die Gruppe bereits in der Funicolare abwärts. Die Fähre nach Neapel wartet nicht - und wer zu spät kommt, darf
morgen nicht mit auf den Vesuv.
Die Griechen hatten hier schon ihren Marktplatz, die Agora, die Römer ihr Forum. Dennoch ist das Ansehen des Platzes ebenso mäßig wie das der Touristen, die ihn bevölkern und unbeabsichtigt dafür sorgen, dass kein Quadratmeter ringsum kommerziell ungenutzt bleibt - mit Ausnahme der Kirche. Doch das Eigenleben des Platzes, über den sich zwischen zehn und siebzehn Uhr Tausende von Besuchern ergießen, ist erstaunlich robust. Sobalddie Tagesausflügler sich wieder einge-
schifft haben und der massenhafte Spuk vorüber ist, wird er zu der Operettenbühne, die er sicher schon seit hundert Jahren ist.
Am italienischsten ist die Piazzetta am frühen Morgen, wenn das Leben auf Capri erwacht, die Sonne triumphierend über den Dächern aufsteigt, die Café-Bars ihre Espressomaschinen anwerfen und am Kiosk nebenan riesige Zeitungspakete ausgeladen werden. Unwillkürlich wartet man darauf, dass der erste Solist, bis dahin unauffällig in der Volksmenge verborgen, sich in den Vordergrund spielt und eine schmelzende Belcanto-Arie zu schmettern anfangt: von der Liebe zu seiner Angebeteten, von ihrer Schönheit und von seiner Eifersucht
Rilke klagte und dichtete
Zunächst scheint es, als führten alle Wege in Capri (in der Stadt, nicht auf der Insel!) über die Piazzetta. Doch es ist der Mühe wert, Um-und Schleichwege zu erkunden, auf denen sich tagsüber das Ortszentrum umgehen lässt. Von dem kleinen Hotel über die ,,Giardini di Augusto” am Ortsende zur Endstation der Busse nach Anacapri zum Beispiel führen Gässchen bergauf und bergab, die noch nie der Fuß eines Touristen betreten zu haben scheint: düster, fensterlos und ohne Chance auf einen Sonnenstrahl - fast wie ein Neapel im Miniaturformat! Mit der südlichen Umgehung der Piazzetta erschließen die Gäste des kleinen Hotels sich den ganzen Osten der Insel: Flott ansteigende Sträßchen führen zur Villa Jovis des Kaisers Tibenus, zum Arco Naturale, zur Grotta di Matromania.
In der Via Tragara ist noch ein Hauch der Noblesse hängen geblieben, wie die gebildeten Reisenden im späten 19. Jahrhundert sie schätzten: Hotels und Villen, die Wohlstand erkennen ließen, ohne zu protzen; eine weitgehend ebene Kurpromenade, Gärten und kleine Parks, die ein komfortables Maß an Privatheit sicherten.
Im Gästehaus der Villa Discopoli an der Via Tragara hat Rainer Maria Rilke in den ersten Monaten des Jahres 1907 gelebt, gedichtet und geklagt (wieder einmal hatte er eine wohlhabende Gönnerin und Gastgeberin gefunden): Einerseits war die Insel ihm zu postkartenschön, andererseits störten ihn die Spaziergänger, die er an seiner Arbeitsklause vorbeigehen hörte, wenn sie auf der Via Tragara, damals noch ein besserer Ziegenpfad, zum Aussichtspunkt am Belvedere unterwegs waren. Da hätte er mal hundert Jahre später hierher kommen sollen!
Immerhin: Der zarte Dichter hat auf seinen Wanderungen auch den Monte Solaro bestiegen, den höchsten Berg auf Capri, der sich fast 600 Meter über das Meer erhebt. Heute benutzen die meisten den Sessellift von Anacapri aus, der kürzlich renoviert worden sein soll, sich aber noch den nostalgischen Charme der fünfziger Jahre bewahrt.
Erst auf dem Gipfel stellt das echte Inselgefühl sich ein: Wasser ringsum, dazu die Inseln Ischia und Procida, der Golf von Neapel mit dem Vesuv, die Halbinsel von Sorrent und die Amalfiküste bis in die Gegend von Salerno. Unter uns breitet Capri sich aus wie eine Landkarte, auf der nicht einmal die Schatherde fehlt, die in der Abendsonne ganz arkadisch hinter ihrem Hirten über die Montagna Cagliari zieht. Das Aufkommen archaischer Empfindungen verhindern weniger die nüchternen Zweckbauten, mit denen der Gipfel voll gestellt ist, als die graugelben Dunstschleier, die von Neapel her über den Golf ziehen.
Nach Süden fällt der Monte Solaro steil zum Meer ab. In den Bergflanken sind Höhlen ausgewaschen worden, von oben unsichtbar, vom Meer aus bestenfalls zu ahnen. Nur auf guten Karten sind sie eingezeichnet: Grotta Rossa, Grotta Verde, Grotta Ruoffolo. Ein riesiger Felsbrocken verdeckt den Blick auf die Grotta delle Felci, die sich in unmittelbarer Nähe des Scoglio delle Sirene befindet, der Sirenenklippe, die gem mit dem listenreichen Odysseus in Verbindung gebracht wird.
Um ein Haar gestrandet
Die Strömungen hier sind tückisch. Das bestätigt uns Goethe, der mit einem Handelssegler auf der Rückfahrt von Palermo nach Neapel um ein Haar an den Klippen gestrandet wäre. Offenbar waren weder Kapitän noch Steuermann ihren Aufgaben gewachsen. Die Eintragung vom 14. Mai 1787 lässt erkennen, dass Goethe, wäre er nicht Dichter gewesen, einen guten Reiseschriftsteller abgegeben hätte.
In der Capri-Literatur wird kaum, oder nur an versteckter Stelle, darauf hingewiesen, dass, wer sich der Insel uneingeschränkt erfreuen will, gut zu Fuß sein und gesunde Knie haben sollte. Denn außer der Promenade, die sich von den Augustus-Gärten entlang den eindrucksvollen Klosteranlagen der Certosa di San Giacomo und schließlich über die Via Tragara zum Belvedere zieht, geht es überall konsequent bergauf, bergab.
Nun führt zur Marina Piccola auch eine Fahrstraße. Doch für wen hätte dann Alfred Krupp die Via Krupp anlegen lassen? Der herrisch in die Felsen geschlagene Weg öffnet nicht nur aufregende Perspektiven auf die hier ziemlich wilde Inselküste. Er wartet, wenn man die ersten hundert Treppenstufen hinter sich hat, auch mit einer Überraschung auf: Plötzlich steht man vor einer Barriere und dem Hinweis, dass der Weg von hier ab wegen Baufälligkeit gesperrt ist. Während Capri-Neulinge noch zögern, kriechen erfahrene Wanderer einfach unter der Schranke durch - und kommen unbeschädigt an der Marina Piccola an. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass die Felswände brüchig und an ein paar Stellen Bauarbeiter mit der Sicherung des Weges beschäftigt sind - seit zehn Jahren, wie Insider behaupten.
Marina Piccola ist der beliebteste Badestrand auf Capri und auch mit dem Bus zu erreichen. Der ist von der Mittagsstunde an voller Tagesausflügler, die sich am liebsten auf dem gebührenfreien kleinen Kiesstrand zwischen den Badeanstalten der Marina ausbreiten, Handtuch neben Handtuch, Handy neben Handy. Viele andere Möglichkeiten, ohne Eintrittsobulus ans Wasser zu gelangen, gibt es auf der Insel nicht. In den ,,Stabilimenti Balneare” mit Absperrung und Kassenhäuschen kann man leicht 40 000 Lire pro Person für Eintritt, Liegestuhl, Sonnenschirm und Pool-Benutzung loswerden, mit Badekabine und in der Hochsaison auch beträchtlich mehr.
Damit aber erkauft man sich einen sicheren Freiraum um seine Lagerstätte und relative Ruhe. Die Patina der fünfziger Jahre, in denen die meisten Badeanstalten auf Capri entstanden, ist nicht zu übersehen. Spätestens am dritten Tag hat man sich mit dem welken Charme der Anlage angefreundet.
Die Badeanstalt bei den Faraglioni mit ihren steilen Felskuppen bietet ein noch eindrucksvolleres Naturerlebnis; niemand vermisst den Pool, weil das Schwimmen in der geschützten Bucht mit der imposanten Kulisse viel mehr Spaß macht. Das Terrassenrestaurant mit Blick auf die Bucht gilt als das mit dem frischesten Fisch. Und man kann unbedenklich noch einen Teller Spaghetti alle vongole vorschalten, denn die über 200 steinernen Stufen, die man leichtfüßig und vorfreudig heruntergesprungen ist, müssen auch wieder aufgestiegen werden.
Am Belvedere di Tragara beginnt die Via Pizzolungo, die mit der Via Krupp um das Prädikat “schönster Panoramaweg auf Capri” rivalisiert. Trotzdem wird sie auffallend wenig begangen. Denn im letzten Drittel, bevor man die Höhe der Matermania erreicht, drohen kniefeindliche Treppenstufen, die kein Ende nehmen wollen.
Zunächst aber geht es flott über den gut ausgebauten Pfad, der sich am steilen Hochufer der Südküste dahinschlängelt. Ein paar Villen, die schon bessere Zeiten gesehen haben, bleiben zurück, die Natursteinkette der Faraglioni-Felsen wandert etwas länger mit, bis auch sie hinter einer Felsnase ver?schwindet. Durch lichtes Piniengrim leuchtet das Meer in der Tiefe.
Wie ein gestrandeter Flugzeugträger liegt plötzlich die “Casa Malaparte” auf einer felsigen Landnase unter uns. Curzio Malaparte, genialischer Schriftsteller, Journalist und politischer Abenteurer, hat sein Haus mit gewaltigem Aufwand mitten ins Naturschutzgebiet-gestellt; die faschistischen Behörden, mit denen er sich auf dubiose Weise arrangiert hatte, wagten nicht, ihn daran zu hindern. Zahlreiche Selbstzeugnisse belegen Malapartes übergroßes Ego-wenn er den Größenwahnsinnigen nicht nur gespielt hat.
Zum Abschluss noch einmal auf den Monte Tiberio, fünfzig Minuten zu Fuß von der Piazzetta. Es ist die Stunde nach der Siesta, als Einzige steigen wir durch die Weingärten auf; alle anderen sind schon auf dem Rückweg. Eine Stunde vor Sonnenuntergang wird das Tor geschlossen, schreiben die Führer, eine dehnbare Zeitbestimmung - und wir haben Glück: Das Kassenhäuschen ist schon geräumt, aber ein kleines Türchen noch offen!
Die ganze weitläufige Anlage liegt da wie ein Übungsgelände für Amateurarchäologen. Doch die alten Baupläne interessieren uns weniger als die Frage, wie Tiberius, Adoptivsohn des Kaisers Augustus, der von 26 bis 37 nach Christus das Zentrum des Römischen Weltreiches nach Capri verlegte, hier seine Tage verbracht haben mag. Hat er “auf seinen Daches Zinnen” gesessen und sich an der Schönheit der Sonnenuntergänge geweidet oder grimmig hinüber aufs Festland, den Golf von Neapel, die Küsten von Sorrent und Amalfi geschaut, bevor er Widersacher und abgelegte Konkubinen über die Klippen ins Meer stürzen ließ, wo jetzt PS-starke Motorboote leise brummend ihre Schaumfurchen ziehen?
Ein sentimentaler Tyrann
Die Überlieferung, genährt aus den Quellen der Historiker Tacitus und Sueton, sagt Tiberius grausame Tyrannei und Menschenverachtung nach. Aber die Legende tut sich leicht, muss nicht differenzieren. Was das Urteil der Nachwelt so unsicher macht, ist das scheinbar übergangslose Nebeneinander von rücksichtsloser Machtausübung und Sentimentalität. Wem dabei die so ganz andere Bilderbuchlandschaft von Berchtesgaden einfällt, ist wahrscheinlich auf der richtigen Spur.
Capri als Podium für düstere weltgeschichtliche Betrachtungen - dabei kann es nicht bleiben. Zurück zur Bewunderung der untergehenden Sonne, deren Strahlen, bevor sie hinter dem Dunststreifen über dem Meer verschwindet, sich glutrot in fernen Fenstern spiegeln. Es wird kühl, Zeit zur Umkehr. Das Türchen steht immer noch offen, das Kassenhaus immer noch leer. Eine halbe Stunde später mischen wir uns unter die Müßiggänger auf der Piazzetta, die den Abzug der letzten Tagesausflügler bei Amaretto und Cappuccino feiern. Wir sind nicht gerade wenige. Dennoch steigt allenthalben über dem kleinen Platz ein unhörbarer Stoßseufzer zum Himmel auf: Endlich wieder allein!