Von AnneKathrein Teubner

Er wollte nicht mehr in der Stadt leben, er liebte die Natur. Wer sich so einen Platz wie Capri zum Leben aussucht, der kann kein schlechter Mensch gewesen sein. Die Geschichtsschreiber haben ihm Unrecht getan.' Mario Tarantino, Besitzer des Restaurants La Savardina, verteidigt seinen Timberio so leidenschaftlich, als hätte er ihn persönlich gekannt. Dabei hat der Mann, von dem die Rede ist, vor beinahe zweitausend Jahren von hier das römische Weltreich regiert.
An Kaiser Tiberius führt auf Capri kein Weg vorbei. Die Capreser lieben ihren Timberio, wie sie ihn zärtlich nennen. Menschenscheu und misstrauisch sei er gewesen, erzählte meine Begleiterin Lorena zuvor beim Rundgang durch die Ruinen der Villa Jovis. Und beim Anblick der fensterlosen Privatgemächer klang das sehr überzeugend. Aber ging sein Argwohn wirklich so weit, dass er in Ungnade gefallene Untergebene von der nahen, 300 Meter hohen Felsklippe, dem Salto Tiberio, ins Meer stürzen ließ?

Betörender Duft
Nur wenige Wanderer besichtigen an diesem Herbsttag die Reste des Palastes, welcher als der prächtigste von insgesamt zwölf kaiserlichen Residenzen auf der Insel gilt. Unvergesslich der Blick vom Monte Tiberio über den Golf von Neapel mit Ischia und der sorrentinischen Halbinsel! Nach dem nächtlichen Regen liegt ein betörender Duft über der Insel. Es riecht nach Pinien, Lavendel, Rosmarin und Zitronenblüten. In verwunschenen Gärten blüht flammend rot der Hibiskus.
Als wir in der Frühe aufbrachen, lag die Piazzetta, der berühmte Platz des Mauptortes Capri mit dem mittelalterlichen Uhrturm, der weißen, überkuppelten Pfarrkirche und den Cafés, noch verlassen. Nur Elektrokarren waren im
autofreien Zentrum unterwegs. Beinahegeräuschlostcansportierensie Tag für Tag Kisten mit Obst und Gemüse in die Läden undRestaurants, das Gepäck der Urlaubervonden Hotelawiederzum Hafen. Auf der nahen Terrasse mit den weißen Säulensalleneinpaaralte Männerundblicktenaufdie Marina Grande, wodie Schnellbootevon Neapelankom
menunddie Rundfahrtenumdas Eiland mitseinen vielen Höhlen undden Faraglioni, den markanten Felsen, beginnen.
Bis zu 15 000 Besucher fallen im Juli und August täglich auf der nur zehn Quadratkilometer kleinen Insel ein. Wührendwirdurchstilie Wegean Villen und Gärtenvorbeisvandern, strömensie auch heute wieder in Scharen auf die Piazzetta. Sie kommen mit der Funiculare, der Standseilbahn, die vom Hafen den Berghinaufdirektaufdie Piazzetta führt, oder mit Büssen bis zum Ortseingang. Die touristische Route führt weiter nach Anacapri, den kleineren mid ländlichen Inselort an den Hängen des 598 Meter hohen Monte Solaro. Hier drängeln sich die Gruppen durch den Garten und die Villa San Michele des schwedischen Arztes und Schriftstellers Axel Munthe. Danach geht es mit der Seilbahn auf den Monte Solaro, Capris höchsten Berg, oder in die Keramikwerkstätten, Parfümerien, Boutiquen, Cafés und Restaurants.
Capri ist zwar nurgut zehn Quadratkilometer klein, aber viel zu schade, um an nur einem Tag "absolviert" zu werden. Wer sich dem Mythos der Insel nähern, ihre Kirchen, Villen und Garten, Höhlen, Felsen und antiken Stätten abseits der Massen erkunden will, sollte mehrere Tage hier verbringen.
Das wünscht sich auch Elio Sica, der Chef des Tourismusamtes. An Unterkünften jeder Kategorie mangelt es nicht. Etwa ein Fünftel der insgesamt 3500 Gästebetten entfällt auf klassifizierte Pensionen im Ein und ZweiSterneSegment, die such für weniger Betuchte erschwinglich sind. Seit Jahren wird diskutiert, ob die Zahl der Tagesbesucher in der Hochsaison begrenzt werden soll. Bisher ohne Resultat: "Es ist sehr schwer, das Tor zur Insel zuschließen", sagt Sica. Zum einen, weil die Insulaner ausschließlich vom Tourismus leben, zum anderen, weil der Wunsch vieler Italienurlauber, wenigstens ein Mal den Fuß auf die Insel gesetzt zu haben, nur zu verständlich sei.

Capri zu Fuß
Auf declangen Liste Prominenter,die von der Insel bezaubert waren und sich zeitweilig hier sogar niederließen, sind neben berühmten Namen wie Maxim Gorki, Franz Liszt, Pablo Neruda, Alexandre Dumas, Igor Strawinsky und Lenin auch Walter Benjamin, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Bertolt Brecht, Kaiser Wilhelm und Friedrich Krupp zu finden. Bisheute zählt dieVia Krupp, ein SerpentinenWeg, den der Industrielle vor hundert Jahren oberhalb des Badeplatzes Marina Piccola in den Fels hauen ließ, zu den schönsten Wanderwegen. Wer Capri erleben will, muss laufen und kann tagelang Neues entdecken!
Und die weltberühmte Blaue Grotte? Fürviele ist sie zum Synonym für Capri geworden. Genau 175 Jahre ist es her, dass der schlesische Dichter August Kopisch mit dem Maler Fries und einem Fischer die geheimnisvolle Hohle, die in der Antike vermutlich ein heiliger Ort war, beim Baden wiederentdeckte. "Mit Jubeln und Jauchzen" begrüßten die beiden Deutschen das Naturwunder, berichtete Ferdinand Gregorovius im Jahr 1886. Und Kopisch notierte im Gästebuch seines Gastgebers Pagano "Wir benannten diese Grotte die blaue, weit das Licht aus der Tiefe des Meeres ihren weiten Raum blau erleuchtet. Man wird sich sonderbar überrascht finden, das Wasser blauem Feuer ähnlich die Grotte erfüllen zu sehen; jede Welle scheint eine Flamme." So erleben es Besucher, die bei ruhiger See in kleinen Ruderbooten durch die enge Öffnung im Felsen in die Grotta Azzurra gelangen, noch heute.