Capri lässt niemanden kalt. Weder Rilke noch Oscar Wilde, und auch nicht meine Tante Gisela. Rilke kam und schrieb Gedichte - »uraltes Wehn vom Meer / welches weht / nur wie für Ur - Gestein«, Oscar Wilde erregte Ärgernis und wurde mit seinem Geliebten aus dem Speisesaal des Hotels Quisisana hinauskomplimentiert. Meine Tante Gisela quetschte sich die Finger in der Blauen Grotte. Sie hatte die Hände trotz mehrfacher Ermahnungen über den Bootsrand gelegt. Seitdem hielt sie Capri und die Blaue Grotte für ziemlich überschätzt. Meine Mutter hingegen sagte: »Ach, Capri! Das könnt ihr euch ja gar nicht vorstellen!« Sie sagte es in einem Ton, als habe sie bei ihrem Tagesausflug etwas Erhabenem beigewohnt, als sei sie seither eine Erwählte, Erleuchtete, Zeugin eines ganz Besonderen, das sie niemandem erklären konnte und auch nicht wollte. Ach, Capri.
Und dann stehe ich auf der Terrasse des Hotels »Caesar Augustus« in Anacapri.
Blicke auf den Horizont mit Ischia und Procida links, mit Neapel und dem Vesuv in der Mitte und der Küste von Sorrent rechts. Ein Panorama, so weit, dass zwei Augen nicht reichen, um alles auf ein Mal zu erfassen. Ich blicke auf das Meer, das chinablau ist, himmelblau, babyblau, veilchenblau, lavendelblau, pfauenblau, stahlblau, rauchblau, blaublau. Blicke zu den winzigen Schiffen, die das Meer durchkreuzen und weise Schweife hinter sich herziehen. Ich blicke in den Himmel, der plötzlich aussieht, als habe ihn jemand entzündet, ein goldenes Glühen, in dem die Wolken verdampfen. Blicke auf das Meer, das sich langsam rosa färbt. Blicke der Sonne entgegen, die als gigantischer, blutroter Lampion am unteren Rand des Panoramabildes versinkt, und meine kleine, enge Seele wird weit und schmerzt ein wenig. Am liebsten würde ich jetzt ein
bisschen heulen. Ach, Capri. Capris Schönheit überfällt wie eine Krankheit. Es gibt kein Gegenmittel.
Auch die Tagestouristen in Badeschuhen und Ho-Chi-Minh-City-T-Shirts, die sich wie ein zäher Lavastrom von der Station der Zahnradbahn über die Piazzetta bis hin in die Augustusgärten ziehen, können den Zauber nicht brechen.
Nicht die Amerikaner aus dem Hotel Quisisana, die sich in Bergsteigerkluft, mit Metallstöcken bewaffnet, zu einem Tagesausflug nach Sorrent aufmachen und lautstark rätseln, ob sie Medikamente gegen Seekrankheit einnehmen sollten.
Selbst der Anblick der in Fotokästen ausgestellten Promis hat keinen ernüchternden Einfluss auf das Caprifieber.
Lästig ist das Getue um die Berühmten schon. Ach, Capri, muss man denn wissen, dass Aristoteles Onassis hier seiner Gastgeberin Mona Bismarck eine goldene Schere zum Rosenschneiden schenkte, die er beim berühmten Capreser Juwelier Chantecler hatte anfertigen lassen? Dass Prinzessin Margaret hier auf die Idee kam, ihr Kopftuch im Nacken zu verknoten, und dass Thomas Manns Tochter Monika hier mit einem Fischer zusammenlebte, 35 Jahre lang, bis zu seinem Tod? Doch es reicht, einen Brief auf die Capreser Post zu bringen, und man ist versöhnt. Die Post schwebt zwischen Himmel und Meer, und während man für Briefmarken ansteht, bringt man es nicht übers Herz, dem Panorama mit dem türkisgrünen Meer, das der Wind mit weißen Fäden durchzieht, den kalkweißen Felsen und den Terrassen mit den Weinstöcken auch nur einen Wimpernschlag lang den Rücken zuzuwenden.
Es gibt es wohl keinen Ort auf der Welt mit einer ähnlich hohen Dichte an Aussichtspunkten. Jeder Weg endet an einem Belvedere, als gelte es, die Mühe des Spaziergangs zu belohnen. Das finden auch die Sachsen, die von den Augustusgärten auf die Serpentinen der Via Krupp und auf die smaragdgrün eingefasste Marina Piccola schauen. »Nu, solche Ausbligge gipps off Ischia nich.« Hinter ihrem Rücken steht das weißmarmorne Lenindenkmal «A Lenin - Capri«, mit dem die Stadt die Via Krupp ideologisch neutralisieren wollte. Neben Lenin sitzt eine platinblonde Russin. Sie hat keinen Blick für das Panorama und erst recht nicht für Lenin, sondern nur für ihren Spiegel und den toupierten Pony. Belvedere di Tragara, Belvedere Punta Carena, Belvedere di Migliara. Nachtblaue Unendlichkeit. Silbriges Glitzern. Türkisgrünes Toben. Der Pony fällt noch immer nicht richtig, die Russin toupiert weiter .
Man kann sich Capri auch von unten nähern. Auf den frotteebezogenen Polstern eines Bootes liegend, in den Himmel und auf die weißen Felsen mit den Schirmpinien blickend. Der Bootsführer heißt Stefano und liebt eine Frau, die gerade erkältet ist. Er ruft sie alle zwei Minuten an. »Amore, bleib im Bett, wenn es dir schlecht geht!« Das Meer ist schwarzblau, und der Vesuv taucht plötzlich aus dem Morgendunst auf, als hätte ihn ein Bühnenbildner ins Bild geschoben. »Amore, beweg dich nicht! « Stefano erklärt uns Grotte für Grotte, die Grotte der Sünde, in der sich die Liebespaare treffen, die Grotte der drei Schwestern, «Amore, hast du schon Fie-ber gemessen?«, die Grüne Grotte, funkelnd wie flüssiger Smaragd, die Champagner-Grotte, aus der die Gischt spritzt, »Amore, ich komme bald, und mach dir keine Sorgen, ich bringe dir etwas zu esseri mit«, die Schleier-Grotte, die Weiße Grotte. Die Felsen über unseren Köpfen bewegen sich, sie strecken sich, dehnen sich, und das Meer glitzert, als hatte jemand eine Tüte Pailletten über ihm ausgestreut .
Dann kommen wir zur Blauen Grotte, vor der sich die Ausflugsschiffe drängeln.
Wir werden in kleine Ruderboote umgeladen und geheißen, uns flach auf den Boden zu legen. Ich denke an meine Tante Gisela, lege die Hände eng an meine Beine und schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, sehe ich das blaue Leuchten und höre, wie ein Bootsführer «o sole mio» singt. Und dann schäme ich mich. Für meine Ungläubigkeit. Für jede Sekunde, in der ich nicht an Wunder geglaubt habe. Ach, Capri.