Wer zuerst vom Inselzauber Capris gefangen wurde, der lässt ihre sanfte Schwester Ischia für immer links liegen.
Dasselbe gilt umgekehrt. Selten schätzt jemand beide Inseln und entscheidet sich dann für eins der beiden Eilande, so wie der römische
Kaiser Augustus: Vor 2000 Jahren tauschte er das vier Mal größere Ischia begeistert gegen die karge Felseninsel Capri ein, an der er neben der balsamischen Luft vor allem die griechisch geprägte Kultur liebte.
Beides faszinierte auch Axel Munthe. Der schwedische Arzt leitete seine zweite Karriere als Schriftsteller Anfang der dreißiger Jahre mit einem Bestseller ein, der eine einzige Liebeserklärung an Capri ist: Das Buch von San Michele. Benannt wurde der Roman nach seinem weiß gekalkten Traumhaus unterhalb der mittelalterlichen Kapelle San Michele in Anacapri. Er erzählt Munthes Lebensgeschichte als Modearzt der Reichen in Paris und Rom und als Armendoktor auf Capri.
Bereits als junger Student wusste der blonde Schwede: Nur hier, auf dieser karstigen Kalksteininsel mit dem weiten Blick über den Golf von Neapel, würde er sein irdisches Paradies finden. Leider musste er wegen eines Augenleidens im Alter die geliebte lichtdurchflutete Insel verlassen.
Zwischen Himmel und Meer schwebt auch die Villa des deutsch-italienischen Autors Curzio Malaparte alias Kurt Erich Suckert. Der exzentrische Schriftsteller wäre heute ebenso vergessen wie seine einst nach dem Krieg in ganz Europa bekannten Romane Die Haut und Kaputt, wenn er sich nicht selbst mit seiner Casa Malaparte auf Capri ein architektonisches Denkmal gesetzt hätte: Wie ein dreieckiges Tortenstück ragt im Südwesten der Insel die Klippe ins Meer, auf der Malaparte sein hummerrotes Objekt bauen ließ, das in der unberührten grün -felsigen Land - schaft bei Punto Masullo für Aufsehen sorgte. Eine Baugenehmigung für das Haus hätte der selbstgefällige Schriftsteller auf offiziellem Weg auch auf dem Capri der dreißiger Jahre nicht bekommen.
Doch Malaparte hatte beste Beziehungen: Eine ebenfalls Capri -begeisterte Tochter Mussolinis machte den Bau der abgelegenen Villa
schließlich möglich.
Im Gegensatz zu Capri ist Ischia die Insel der leiseren Töne. Hier gibt es keine Piazzetta, auf der man sich inszenieren kann, und wer hier baut, integriert sich in die üppiger vorgefundene Natur.
Der englische Komponist William Walton kam 1949 mit seiner frisch angetrauten und 24 Jahre jüngeren Frau Susana aus Argentinien nach
Ischia. Auf der damals von Reisenden kaum beachteten Insel hatte ihm eine englische Bekannte vorübergehend ein billiges Häuschen überlassen, zwar mit Klavier, aber ohne Strom und Wasser, in dem er in Ruhe an seinen Kompositionen arbeiten konnte.
Bald darauf kaufte er sich in der Nähe von Forio einen Felshang mit einem über einen Hektar großen Stück Land davor, von wo aus er den Sonnenuntergang im Meer beobachten wollte. In zehn Jahren ließ William Walton dort den damals wie heute paradiesisch anmutenden Garten "La Mortella" anlegen, der mittlerweile zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Ischias zählt: Wo früher nur Olivenbäume und Steineichen standen, wachsen heute mehr als 300 mediterrane und exotische Pflanzen. Überall dort, wo keine Frösche quaken und
keine Vögel singen, beseelt die neuromantische Musik Waltons den Garten.
Mit Munthe und Malaparte hatte Walton eines gemeinsam: Er kannte die gegenüberliegende Insel nicht. Wer sich heute zwischen den beiden Inseln entscheiden will: Capri ist seit den fünfziger Jahren die Insel der Schönen und Reichen. Sic sind in die Fußstapfen der vorwiegend deutschen und englischen Intellektuellen getreten, die Capri bis in die zwanziger Jahre als ein mediterranes Idyll schätzten. Ischia dagegen ist immer noch die schöne Landpomeranze, die es fernab der viel besuchten Thermalquellen kulinarisch und landschaftlich zu entdecken gilt.

Stefanie Sonnentag