Von Felicitas Kapteina

Kulturgeschichtler sagen, sie ist die schönste Straße der Welt: Die Via Krupp auf der Insel Capri im Golf von Neapel. Sie wird jetzt hundert Jahre alt, just im 100. Todesjahr ihres Erbauers Friedrich Alfred Krupp, Ehrenbürger von Capri. Die Capresen feiern ihn sehr, denn sie sind stolz auf ihn und ihre Atem beraubende KruppStraße.
Als Krupp 1898 zum ersten Mal nach Capri kam er war 44suchte er nur Heilung von seinem Asthma. Es muss ihm bald besser zumute gewesen sein, denn er rüstete zwei Forschungsschiffe aus, die "Maja" und die "Puritan", die im Golf von Neapel beachtliche biologische Entdeckungen machten. Krupp wohnte im Hotel "Quisisana", dessen Besitzer zugleich der Bürgermeister war. Ihm eröffnete der Gußstahlfabrikant aus Essen, er wolle auf eigene Kosten eine Straße in die Felsen bauen, von der die Welt sprechen werde. Krupp erwarb ein weitläufiges Territorium; kein Problem für ihn. Die technische Problematik dagegen muss gewaltig gewesen sein. Ingenieur Emil Mayer wurde aber damit fertig.
Im Frühjahr 1902 war die Straße begehbar, befahrbar ist sie jedoch nicht. Die eineinhalb Kilometer lange ZickZackKonstruktion in den fast senkrecht zum Meer abstürzenden Kalkfelsen hatte Krupp rund 45 000 Lire gekostet. Und nun begann die Tragik, über die bis heute immer noch viel diskutiert wird.
In Neapel gab es damals einen ebenso aggressiven wie skrupellosen Medienzar, Edoardo Scarfoglio. Der stand vor der Pleite und wollte, dass Krupp bei ihm Geld investiere. Des Kanonenkönigs Sekretär Marotz schmiß den Kerl allerdings hinaus. Darauf erschienen böse Berichte mit noch böseren Schlagzeilen, etwa: "Capri Sodoma". Krupp, dem man damals ein "Doppelleben mit romantischer Neigung" nachsagte, hatte in der Höhle "Fra Felice", schwindelnd hoch über dem Meer gelegen, einen Stammtisch eingerichtet, deren Gäste sich in weiße, wallende Mönchsgewänder zu hüllen hatten.
Scarfoglio streute das Gerücht aus, Krupp, dieser "degenerierte Ausländer", veranstalte in der Höhle ausschweifende homosexuelle Orgien. Der "Vorwärts" in Berlin druckte gerne die Story ab. Krupp, der gerade mit seinem Freund, Kaiser Wilhelm II., mit der Yacht "Germania" bei der Kieler Woche weilte, reichte gegen "diese ungeheuerliche Intrige" Verleumdungsklage ein.
Doch sieben Tage nach dem Schmähartikel im "Vorwärts` starb Krupp, und seine Witwe Margarethe zog die Klage zurück. Die Capresen errichteten Krupp einen Weihealtar und zogen in schweigendem Trauermarsch daran vorüber. Scarfoglio, der den KruppSkandal ausgelöst hatte, wurde wegen "Erregung öffentlichen Argernisses" zu zwei Monaten Haft verurteilt.
Kurz vor seinem Tod schrieb Krupp einen Brief an Dr. Ignazio Cerio, Gründer der Bibliothek Capri, und bedankte sich für "wirkliche Freundschaft" und dass er sich auf Capri nie als maledetto forestiero" (als verdammter Ausländer) habe fühlen müssen.
Dieser Originalbrief wird im Heimatmuseum von Capri aufbewahrt. Wie auch Fotos und Dokumente, ganz vergilbt, über die GermaniaWerft Krupp in Kiel und aus der Zeit, als Capri noch "KleinDeutschland" genannt wurde mit einer Hohenzollernstraße und einem Zitronenfeld, das von Krupp in die "Augustusgärten" umgestaltet wurde. Mit einem Hotel "Villa Krupp", wo auch Maxim Gorki und Lenin gewohnt haben.
Der heutige Bürgermeister, Constantino Federico, will demnächst "eine wissenschaft liche Konferenz" über die KruppForschung im Golf von Neapel einberufen, er steht auch in Kontakt zu Dr. Dieter Richter, Professor für Germanistik und Kulturgeschichte an der Universität Bremen und Experte für das Thema ,,Capri und Krupp". Und er denkt "zu Ehren von Krupp" in den Augustusgärten Konzerte mit klassischer Musik zu veranstalten.
Vor allem aber soll "alles Material aus dem Museum für eine große Ausstellung zusammengestellt werden", die dann auch nach Essen kommen soll. "Wir sollten uns in beiden Städten treffen, das sind wir Krupp schuldig", meint Elio Sica, Direktor des Fremdenverkehrsamtes Capri. Bezüglich des Skandals von damals sagt Heimatforscher Renato Esposito mit der Überzeugung, die keine Diskussion zuließ: "Wir Capresen glauben das nicht. Krupp hat leider sehr verärgert Capri verlassen. Er hat aber sehr viel für uns getan, und daran wollen wir heute denken".
Zudem sei Capri die Insel der Toleranz", führt er weiter aus. Die Kaiser Augustus und Tiberius, die auf Capri zwölf Villen bauten, seien auch keine Kinder von Traurigkeit gewesen. Die Capresen lassen ihrem Friedrich Alfred Krupp dann auch kein Härchen krümmen. Das möchten sie "allen Deutschen sagen, vor allem denen in Essen".
So sind die Deutschen zu 40 Prozent am Tourismus auf Capri beteiligt. Schlimmer als sämtliche Histörchen der Alt und Neuzeit ist allerdings die Tatsache, dass die Via Krupp seit sieben Jahren mit einem Tor verschlossen ist und nur selten für Gäste geöffnet wird. Der Grund: Sie ist Steinschlag gefährdet. Die Restaurierung kostet 30 Millionen Euro. Die Capreser haben "ein Programm, aber kein Geld". Bürgermeister Federico: "Wir hoffen auf die EU, aber es ist schwer, einen Geldgeber zu finden, denn die Via Krupp ist eigentlich keine Straße, sondern ein Kunstwerk".