Klischee, Kitsch oder Mythos, was hat man nicht alles über sie gehört - aber eins muss man ihr lassen: Sprachlos macht sie schon beim ersten Anblick, angesichts der steil aufragenden Schönheit. Die Kräfte der Natur schufen hier Schwindel erregend abstürzende Klippen, bizarre Felsformationen, an die hundert Grotten und Höhlen. Und drumherum nichts als bauschende Seide, ein Meer, dasverschwenderisch schimmert und leuchtet, in Türkis, Kornblumenblau, Azur, Grün.
Capri. Bilderbuchinsel. Insellegende. Jahrzehntelang von Romantikern umschwärmt, von Hochzeitern gebucht, von Schnulzen besungen, dann plötzlich gemieden, als überstrapaziertes Massenziel verschrien.
Seit einer Weile aber ist Capri wieder da, wurde neu entdeckt von den Schönen und Reichen, doch auch von denen, die in den stillen Zeiten der Insel auf kräutergesäumten Wegen nach oben steigen, auf das schier unglaubliche Blau des Meeres blicken und aufatmend feststellen, wie viel schöne und unverbaute Natur dieser Insel geblieben ist. Romantiker können also getrost wiederkommen.
Nur möglichst nicht zwischen elf Uhr vormittags und vier Uhr nachmittags. Denn dann branden die unzähligen Tagesbesucher, die die Katamarane aus Neapel und Sorrent ausgespuckt haben, über die Piazzetta, den bildhübschen, aber um diese Zeit hoffnungslos überfüllten Ortsmittelpunkt, und verstopfen die engen Gassen.
Die Tagesurlauber wollen in wenigen Stunden das Pflichtprogramm abspulen: erst mit dem Boot zur Blauen Grotte, dem wie eh und je in Azur schimmernden Naturwunder an der Nordwestküste (Japaner sollen schon geweint haben, wenn die Grotte unzugänglich war).
Dann zu den Gärten des Augustus mit ihrem Traumblick auf die Südküste, natürlich zur Villa Jovis, dem Palast von Kaiser Tiberius, und die aufregend gewundene Serpentinenstraße Via Krupp darf im Kurzprogramm auch nicht fehlen. Anschließend geht es mit dem Bus nach Anacapri zur Villa San Michele des schwedischen Arztes und Schriftstellers Axel Munthe mit ihren herrlichen Kunstgegenständen. Was danach bleibt, ist häufig das enttäuschende Gefühl, nichts von Capri gesehen zu haben.
Trödeln statt hetzen. Wer sich etwas länger auf die Insel einlässt, wird mit einem anderen Gefühl abreisen. Denn die Schönheit dieses zehn Quadratkilometer großen Felsbrockens ist keine Ware, die man serviert bekommt, man muss schon nach ihr Ausschau halten.
Frühmorgens und spätnachmittags, wenn die Fähren wieder abgelegt haben, erwacht das andere Capri. Am Nachmittag etwa, wenn das Licht golden wird und die Schatten einem vorauseilen, schlägt die Stunde für den, der sein eigenes Inselerlebnis finden möchte. Mit der berühmten Funicolare, der Standseilbahn, schlängelt man sich von der Marina hoch mitten ins quirlige Leben der Piazzetta. Glyzinien, Ginster und Zitronenbäume säumen den Weg. Südliches Laisser-faire kehrt in die Sträßchen ein - genau der richtige Moment für einen Caffè in der Bar ,,Tiberio" und ein Glas Capri Bianco oder "Spritz" - Weißwein mit Prosecco und einem Schuss Campari - auf der Piazzetta. Mit etwas Glück sitzt vielleicht Pavarotti oder Naomi Campbell am Nachbartisch. Frisch gestärkt geht es ins stille Anacapri, um dort als Erstes einen Blick in die Pfarrkirche San Michele mit ihrem bunten Majolika-Fußboden zu werfen, die mitten im Ort thront. Dann aber schnell wieder raus ins einzigartig flimmernde Licht! Zu Fuß immer Richtung Südwesten, zum Aussichtspunkt Belvedere della Migliera, vorbei an üppigen Gärten, hinter denen das Meer glitzert. Die Häuser werden spärlicher, bis man auf eine Plattform stößt. Und hier: nichts zu sehen außer den Tamarisken und Myrtenbüschen, den kalkig schroffen Felsen in grüngrauen Schattierungen und dem Meer. Nichts zu hören außer dem Wind in den Bäumen und dem gleichmäßigen Rauschen tief unten. Nichts zu spüren außer einem wunderbaren Gefühl von Freiheit, wenn Meer und Himmel irgendwo dort hinten ineinander verschwimmen. Eins sein mit den Möwen, die sich die Klippen hinaufschrauben und wieder hinunterfallen lassen.
Noch ein Highlight: mit dem Sessellift, der Steineichen, Weinreben und Dächer von Bauernhäusern fast streift, auf den Monte Solaro fahren, mit 589 Meter höchster Punkt Capris.
Nach zehn Minuten liegt einem die ganze Insel zu Füßenund der komplette Horizont. An klaren Tagen überblickt man den Golf von Neapel, die Küsten von Sorrent und Amalfi und, ganz klein, die Faraglioni-Felsnadeln am zerklüfteten Südufer. Eine Bar mit Terrasse lädt zu frischem Orangensaft ein, Liegestühle stehen bereit - zum Träumen, Dösen oder um im Reiseführer zu schmökern. Wunderbar, mehr als eine Hand voll Menschen sind hier selten zu treffen. Ein Stück weiter an der Südwestspitze, der Punta Carena, liegt einer der schönsten Badeplätze der Insel - für ein paar Relaxstunden, vielleicht morgen?
Am Abend schlendert man doch noch durch die Via Camerelle, die Straße, in der sich die Boutiquen von Gucci, Prada, Moschino aneinander quetschen und langbeinige Schönheiten hinterm Ladentisch stehen. Jetzt kommt auch der "Inseladel" - Aristokraten wie Neureiche - aus den abgeschotteten Villen in die Stadt. Zum Shoppen oder für einenpen oder für einen Aperitif an der ,,Quisi Bar" des noblen Hotel ,,Quisisana", Favorit von Tom Cruise, wie man hört. Und hier, von der großen Terrasse aus, kann man ihn perfekt sehen, den viel beschworenen Sonnenuntergang. Gleich, wenige Minuten nur noch, wird die Sonne im Meer versinken, feuerrot versteht sich.

Elisabeth Schmidtke-Börner