Irgendwie werden die Fischer von Capri eine Spezies, die allerdings vom Aussterben bedroht ist schon Recht haben. Sonst kämen nicht so viele Touristen. Sie kommen, um am Flair der Reichen und Schönen zu schnuppern, auch wenn sich die nur mehr selten blicken lassen.
Capri hat eine eigenwillige, ein bisschen störrische Geografie. Felsige Abgründe, tiefe Talmulden, in die sich die Dörfer schmiegen, machen eine gemächliche Eroberung schwierig. Also: Zunächst einmal mit der Funicolare, der Drahtseilbahn, vom Hafen hinauf auf die berühmte Piazzetta und dort einen Cappuccino schlurfen. Trotz vieler Touristen ist und bleibt die Piazzetta der Treffpunkt für Einheimische. Man kommt hierher, um gesehen zu werden und zu sehen. Geschäfte werden besprochen, appuntamenti vereinbart. In ihrer Geschlossenheit wirkt der Meine Platz wie ein Wohnsalon im Freien. Die Jungen sitzen in der "piccolo bar", die Älteren im würdigen ,,Tiberio" und im "Gran Caffè". Doch Prominenten wird man kaum mehr begegnen. Einst - ja - da war Capri internationaler Treffpunkt der Luxusclochards: Anarchisten, Sozialisten, Kommunisten, Faschisten, Propheten, Poeten, Maler, Dandys und reiche Spinner sie alle liebten die Insel, kehrten immer wieder zurück, viele blieben und bauten ein Haus. Capri wurde zum Mythos, geformt und belebt von denen, die es cum grande passione liebten: Der römische Kaiser Tiberius, der geniale Dandy Jacques Fersen, der schrullige Arzt Axel Munthe, der Industrielle Friedrich Krupp, die Maler Diefenbach und Depero, Dichter wie Rilke und Neruda oder der Schriftsteller Curzio Malaparte, sie alle formten die Insel.
Doch nur auf der Piazzetta zu bleiben, wäre zu schade. Mit dem Meinen Inselautobus geht es auf die Ostspitze der Insel. Da locken die Ruinen der Villen des Kaiser Tiberius. In dem Park spazierte Tiberius, wenn er vom Regieren die Nase voll hatte. Er war gar nicht der grausame Kerl, wie ihn die Geschichtsschreiber gern schildern. Eher ein vom Leben und Regieren enttäuschter alter Mann. In der einsamen, wilden Natur Capris konnte er ein wenig Frieden finden. Zur Entspannung bietet sich eine Wanderung an entlang der Felskliuppen bis hin zum Aussichtspunkt, wo man die berühmten drei Felsen, die Faraglioni, sehen kann. Danach ist eine Fahrt in die Blaue Grotte angesagt. Vielleicht singt der Bootsmann eines der berühmten Caprilieder, um auf das blaue Wunder, das unbeschreibliche Licht, das die Grotte ausfüllt, einzustimmen.
Ein Besuch in der Villa des berühmten Arztes Axel Munthes gehört natürlich auch zum Pflichtprogramm. Die Schlichtheit der Villa und der Garten mit dem römischen Säulengang, den vielen Statuen und der Zypressenallee beeindrucken immer.
Vielleicht bleibt noch Zeit, einen Blick in die Villa Fersen zu werfen. Einem griechischen Tempel gleich, hatte der französische Baron Jacques Fersen sie für sich und seinen Geliebten Nino Cesarini bauen lassen. Auf dem Architrav ließ er die Inschrift anbringen: Amori et dolori sacrum der Liebe und dem Schmerz geweiht. Die weißen Säulen mit den Goldkanneluren leuchten in der von Zypressen verschatteten Sonne. Hier hatte der Baron sein unglückliches Leben gelebt und hier hat er sich durch eine Überdosis Kokain das Leben genommen. Manche nannten ihn einen dekadenten Poeten, manche einen exzentrischen Dandy, alle aber sagten über ihn: Era diverso und meinten damit: "Wir Capresi sind eben ein ganz eigenwilliges Völkchen!"